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02.04.2020
Berit Thomsen, Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft

„In meinen Augen ist dann Schluss“

Noch stehen Kälber im Stall

Es handelt sich um ein Filetstück, ein Grundstück mit Bebauungsplan und noch 14 Hektar landwirtschaftlich genutzter Fläche drum herum. Hamburgs Innenstadt ist gerade einmal dreißig Minuten mit der S-Bahn plus eine kurze Autofahrt entfernt. Ganz klar ein Objekt für Investoren. Aber Hauke Jaacks (57) war sich sicher, als aktiver Landwirt nach dem Grundstücksverkehrsgesetz Vorrang beim Kauf zu haben, als die Eigentümer diese Flächen anboten. Das war 2017, ein Jahr, bevor seine Pachtverträge für genau diese Flächen ausliefen.

Die Autofahrt endet vor einem Waldstück, rechter Hand befindet sich die Hofstelle von Hauke und Svantje Jaacks. Es ist kaum noch zu spüren, dass um die Ecke 1,8 Millionen Menschen auf geballtem Raum leben. Hauke Jaacks ist zurzeit Presse gewohnt. Routiniert führt er durch den Kuhstall, die Rotbunten sind klar in der Überzahl. „Tief in unserem Herzen sind wir Rinderzüchter“, sagt Jaacks. Seine Frau Svantje Jaacks (45) stammt aus einer Rinderzüchter-Familie. Sie nehmen mit ihren Tieren regelmäßig an Bundesschauen teil. Insgesamt umfasst der Hof 340 Rinder, davon 140 Milchkühe. Aber die Hofstelle ist gepachtet, also die Geräteschuppen, das Wohnhaus, der Kuh- und Färsenstall. Familie Jaacks hat kaum Investitionen getätigt. Lediglich den Kuhstall haben sie in einem Anbau vergrößert und den Fischgrätenmelkstand um vier Plätze erweitert.

Verkauftes Land

„Hier ist der Kreis Pinneberg.“ Hauke Jaacks sitzt am Esszimmertisch und hält die Hände vor dem Bauch. Vor ihm liegt auf dem Tisch eine Flurkarte, die den nördlichen Ausschnitt von Hamburg zeigt. Die Karte hört vor der Grenze zum Kreis Pinneberg auf, dort verkaufte er seinen elterlichen Betrieb. Warum? „Mit der neuen Hofstelle hatte ich mehr Möglichkeiten, den Betrieb zu vergrößern und weiterzuentwickeln“, sagt er. Sein Finger zeigt auf der Karte seine jetzige Hofstelle mit den dazugehörigen 14 Hektar Land, beides seit 2003 gepachtet. Dann fährt der Finger weiter und zeigt auf umliegende Flächen, die er bewirtschaftet. Insgesamt 150 Hektar, davon ein Drittel Eigentum. Einen Teil seiner Flächen pachtet er von der Stadt Hamburg zu einem passablen Preis. Da ist auch Elbland dabei, also Innendeichland und ehemaliges Außendeichland. Sobald die Flächen trittfest sind, steht das Jungvieh, das älter als ein Jahr ist, den gesamten Sommer über auf der Weide. Die umliegenden Pferdehöfe liefern Stroh. „Da haben die Pferde nur eine Nacht drauf geschlafen“, sagt Hauke Jaacks. Auch laden die Pferdebetriebe beschädigte Silageballen kostenlos auf dem Hof ab. „Wenn da nur ein Loch drin ist, muss der vom Hof“, so Jaacks. Fristgerecht vor Ablauf des Pachtvertrags im Jahr 2018 hat Hauke Jaacks beim Verpächter sein Kaufinteresse bekundet. Es zeichnete sich ab, dass die Kinder kein Interesse am Betrieb haben. Über Umwege hat er erfahren, dass es einen Käufer für den Betrieb gibt. Daraufhin hat er bei der Wirtschaftsbehörde sein Kaufinteresse bekundet und den Kaufpreis erfahren, „eine exorbitante Summe“, wie Jaacks sagt. Aber nach Rücksprache mit seiner Bank hat er binnen der Drei-Tage-Frist der Behörde mitgeteilt, dass er den Betrieb plus Flächen dafür kaufen würde. Der Zuschlag ging trotzdem nicht an Jaacks, nicht an den aktiven Landwirt, sondern an einen außerlandwirtschaftlichen Investor. Nach Berichten des NDR handelt es sich bei den Käufern um ein Immobilienmaklerpaar. Was bedeutet diese Entscheidung für den Hof? „In meinen Augen ist dann Schluss“, sagt Hauke Jaacks.

Noch mehr Pferde

Telefonisch wolle er keine Fragen beantworten, aber schriftlich, sagt Christian Füldner, Pressesprecher der Wirtschaftsbehörde. Er schreibt: „Das Grundstücksverkehrsgesetz sorgt dafür, dass landwirtschaftliche Flächen nicht bedenkenlos verkauft und damit der Landwirtschaft entzogen werden. Deshalb gibt es einen behördlichen Prüf- und Genehmigungsvorbehalt. Das Grundstücksverkehrsgesetz bietet damit aber keinen Konkurrenzschutz dergestalt, dass ein Pächter verhindern kann, dass ein anderer Landwirt die Flächen privatrechtlich erwirbt. In dem vorliegenden Fall ist die fragliche Pachtfläche von der privaten Eigentümerin an eine GbR verkauft worden, die auf der Fläche nachweislich eine landwirtschaftliche Nutzung etablieren will, nämlich eine Pferdezucht und Pensionspferdehaltung auf eigener Futtergrundlage.“ „Es kann der Stadt Hamburg doch nicht egal sein, ob immer mehr Milchbetriebe mit wertvoller Weidehaltung aus der Randlage von Hamburg verschwinden“, sagt Georg Janßen, Bundesgeschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), „das ist doch auch Aufgabe einer Stadt, eine vielfältige Struktur mit nachhaltiger Weidehaltung zu erhalten.“ Auf der Webseite der Stadt Hamburg sind 14 Reiterhöfe aufgelistet, auch in unmittelbarer Nähe von Familie Jaacks. Gleichzeitig gibt es in Hamburg derzeit noch zehn Milchbetriebe.

Weiter kämpfen

„In meiner Familie und den zwei Generationen davor fangen alle mit H an“, sagt Hauke Jaacks zum Namen seines sechsjährigen Sohnes Harm. „Ich hatte kein Mitspracherecht“, erwidert Svantje Jaacks und lacht. Sie wirbelt durch das Esszimmer, stellt die Kaffeekanne auf den Tisch und ist schon wieder weg. Hauke Jaacks hat mit dem Verpächter einen Vergleich ausgehandelt, den Betrieb noch einige Jahre weiter pachten zu können. Wie viele Jahre, darüber hat er Schweigepflicht, auch die Namen seiner Verpächter darf er nicht öffentlich nennen. Hauke Jaacks wendet sich jetzt an die Presse, er informiert die Politik. Nach einigen Anstrengungen hat er die Bezirksversammlung Altona auf seiner Seite. Sie fordert die Wirtschaftsbehörde zu einer Stellungnahme auf, die noch aussteht. Das bestätigt auch Christian Füldner. Hauke Jaacks hat Widerspruch bei der Wirtschaftsbehörde eingelegt, weil er Verfahrensfehler sieht. Er kämpft weiter dafür, dass er den Betrieb bekommt.