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12.06.2020

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02.04.2020
Scüler/Schievelbein

Ein Blick zurück für den Ackerbau der Zukunft

Striegeln statt Spritzen

Wir werden die Frage des Biodiversitätsverlustes nicht über Gewässerrandstreifen lösen, es muss eine Veränderung in der Fläche passieren. Noch zu oft wird im Hinblick auf politische Aktivitäten zwischen Schutz- und Schmutzgebieten unterschieden. Dabei gibt es eigentlich schon lange bessere Ideen. Schon Ende der 60er Jahre veröffentlichte Hans Braun, Professor für Pflanzenkrankheiten der Universität Bonn, einen Aufsatz zu „Pflanzenhygiene und integriertem Pflanzenschutz“, in dem die Bedeutung eines größer gefassten Blicks auf den sich zur damaligen Zeit vornehmlich auf chemische Maßnahmen beschränkenden Pflanzenschutz deutlich wird. In der Zusammenfassung heißt es unter anderem: „Dass im Kampf gegen den wachsenden Hunger in der Welt dem chemischen Pflanzenschutz eine entscheidende Bedeutung zukommt, wird nicht bestritten, Auf der anderen Seite wird in neuester Zeit vom Teufelskreis Chemie gegen Chemie gesprochen. Wir müssen uns darüber klar werden, ob wir aus diesem noch rechtzeitig ausbrechen können oder wollen. Der integrierte Pflanzenschutz, in dem sich Kulturmaßnahmen mit biologischen und chemischen Bekämpfungsmaßnahmen sinnvoll vereinigen, soll die vorrangige Stellung des chemischen Pflanzenschutzes eindämmen. Vor allem aber sollen die allzu sehr vernachlässigten Kulturmaßnahmen, wie sie unter dem Begriff ‚Pflanzenhygiene’ zusammengefasst worden sind und unter denen dem standortgerechten Anbau besondere Bedeutung zukommt, in Zukunft auch in der Phytomedizin – analog der Hygiene in der Humanmedizin – das Fundament bilden.“

Mehrere Anläufe

1985 analysierte der Sachverständigenrat für Umweltfragen in einem Sondergutachten umfassend die schon in den 1980er Jahren sichtbaren und wissenschaftlich untersuchten Auswirkungen der intensiven Landwirtschaft auf Naturhaushalt (Boden, Wasser Luft), Lebensräume und Artenvielfalt. Er thematisierte bereits auch die Problematik von Schadstoffen in Nahrungsmitteln. Die meisten der dort analysierten Probleme sind auch heute weiterhin existent und haben in ihren Auswirkungen auf Natur und Mensch teilweise noch erheblich zugenommen, so etwa bei der weiterhin fortschreitenden Verarmung der Landschaft sowie der Abnahme der landwirtschaftlichen Produktionsvielfalt. Entsprechend sind auch viele der damals formulierten Empfehlungen, sowohl für die Umwelt- als auch für die Agrarpolitik, weiterhin aktuell, auch wenn an zahlreichen Stellen versucht wurde, die Situation zu verbessern. Auch die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Schutz von Natur und Umwelt in den 80er Jahren führte zu dem Bestreben, dem in einer Novellierung des Pflanzschutzrechtes Rechnung zu tragen. Das Land Nordrhein-Westfalen brachte einen Entwurf in die Debatte ein, der, so Jurist Hans-Wolfgang Micklitz, den Blickwinkel verändert hätte: „Damit wäre theoretisch die Chance gegeben gewesen, über eine Umorientierung des gesamten Pflanzenschutzrechts nachzudenken. Die Legitimität des präventiven, flächendeckenden Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln hätte insgesamt zur Disposition gestanden. Doch dazu ist es nicht gekommen. Die Bundesregierung hat sich mit ihrer an den Interessen der konventionellen, industriell betriebenen Landwirtschaft und der Pflanzenschutzindustrie orientierten Vorstellung letztendlich durchgesetzt.“ Er beschreibt die im Gesetz festgeschriebene Diskrepanz zwischen dem Schutz von Natur und Grundwasser und landwirtschaftlicher Praxis. Neu eingeführt wurde damals der Begriff der „guten fachlichen Praxis“. Es sei „vorrangig zu prüfen, ob die Anwendung eines bestimmten Pflanzenschutzmittels angesichts eines drohenden Schädlingsbefalls oder des vermutlichen Ausmaßes seiner Auswirkungen überhaupt erforderlich ist.“ Allerdings merkt Micklitz an, dass die gute fachliche Praxis weder strafbewehrt noch konsistent durchzuhalten sei. Trotz einer mindestens wissenschaftstheoretischen Weiterentwicklung des integrierten Pflanzenschutzes zum Agrarsystem des integrierten Landbaus in den 90er Jahren gelang es nicht umfassend, die entsprechenden Ansätze in der praktischen Landwirtschaft einzuführen. Daran änderten auch zwei Versuche der Politik nicht wesentlich etwas: das „Reduktionsprogramm Chemischer Pflanzenschutz“ von 2004 und der „Nationale Aktionsplan Pflanzenschutz“ von 2013. Gerade in letzterem wird als „im Mittelpunkt“ stehend der integrierte Pflanzenschutz betont. Es finden sich aber weder konkrete Reduktionsziele noch Zeithorizonte oder Umsetzungsstrategien. Dementsprechend zahnlos bleiben die Papiertiger.

Ernüchternde Bilanz

30 Jahre nach dem Sondergutachten des Sachverständigenrates für Umweltfragen ließ das Umweltbundesamt (UBA) 2015 von der TU München-Weihenstephan unter Leitung des Agrarökonomen Alois Heißenhuber untersuchen, was sich seit diesem Gutachten verändert hat. Es war zu überprüfen, was von den damaligen Kritikpunkten und Empfehlungen inzwischen umgesetzt worden war und wo nach wie vor die Defizite lagen. „Insgesamt zeigte sich, dass sich die Situation der Umwelt- und Naturschutzgüter Biodiversität, Landschaftsbild, Boden und Klima seit 1985 tendenziell negativ entwickelt hat. Der Belastungs- und Gefährdungszustand der Schutzgüter Luft und Wasser ebenso wie die Schadstoffbelastung von Lebensmitteln hat sich – auch durch Maßnahmen z. B. der Luftreinhaltung – hingegen günstig entwickelt. In Bezug auf die landwirtschaftlichen Wirkfaktoren lässt sich jedoch festhalten, dass die Landwirtschaft weiterhin maßgeblichen Einfluss auf den Zustand und auf die Situation der Schutzgüter hat und der Anteil der landwirtschaftlichen Belastungen an den Gesamtbelastungen teilweise zugenommen hat“, so die ernüchternde Bilanz.

System ändern

Der Einsatz von Pflanzenschutzmittel liegt im Prinzip seit Mitte der 90er Jahre auf einem Niveau von über 30.000 Tonnen Wirkstoff im Jahr. Es gibt Schwankungen. Wirkliche Veränderungen oder gar eine Reduzierung sind nicht erkennbar. Offensichtlich haben die oben erwähnten Diskussionen kaum eine Rolle für die praktische Landwirtschaft gespielt. Aber eine andere Entwicklung lässt sich in den vergangenen Jahren vermehrt wahrnehmen: Resistenzentwicklungen bei Herbiziden, Insektiziden und Fungiziden. Schon 2016 schrieb Prof. Dr. Peter Zwerger, Julius Kühn-Institut: „Mehr oder weniger regelmäßig durchgeführte Resistenz-Erhebungen zeigen, dass es mittlerweile in Deutschland verschiedenste Resistenzentwicklungen gegenüber Insektiziden, Fungiziden und Herbiziden in Ackerbaukulturen gibt.“ Diese Entwicklung hat sich bis heute fortgesetzt, schränkt den Rapsanbau in ehemaligen Gunstregionen stark ein, lässt Ackerfuchsschwanz in bestimmten Regionen zu einer echten Bedrohung des Weizenanbaus werden und sorgt mit vielen weiteren Detailproblemen für große Schwierigkeiten, die bislang weitestgehend auf ökonomische Vorzüglichheit ausgelegten Fruchtfolgen aufrechtzuerhalten. Erste Ansätze einer systemaren Änderung wie die Erweiterung enger Getreidefruchtfolgen um Leguminosen stoßen oft genug an die Grenzen der Märkte. Wirtschaftlicher Druck und mangelnde Vermarktungsmöglichkeiten machen es nach wie vor schwer, sich von neuen Kulturen oder aber auch dem extensiveren Management der bislang oft genug auf Höchsterträge gedüngten klassischen Kulturen überzeugen zu lassen. Dabei müssen auch Verarbeitungsunternehmen mitmachen: So wie Braugerste oder Zuckerrüben aus Verarbeitungsgründen Obergrenzen bei der Stickstoffdüngung auferlegt bekommen, um den schädlichen Nichtproteinstickstoff gering zu halten, müsste auch Weizen mit anderen Qualitätsansprüchen durch die Mühlen belegt werden. Die Backfähigkeit von Weizen hängt nicht von einem sehr hohen Rohproteingehalt ab. Hohe Stickstoffdüngung ist teuer und umweltschädlich. Eine stärkere Honorierung extensiverer Bewirtschaftungsverfahren durch die abnehmende Hand oder auch durch staatliche Förderprogramme in der Fläche und nicht nur in Randbereichen wäre ein starker, vielleicht der stärkste Mechanismus im Hinblick auf den Erhalt der Biodiversität. Denn extensive Verfahren schaffen einerseits auf dem Acker Raum für Pflanzen und Tiere, die in den dichten Beständen der Höchstertragskulturen zunehmend das Nachsehen haben, sie reduzieren aber auch den Einsatz energieaufwendig erzeugter Stickstoffdünger und schädigend in die Umwelt eingreifender chemischer Pflanzenschutzmittel.

Christian Schüler,