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05.05.2020
cs

Wen der Spargel sticht

Keine Saisonarbeiter, nur saisonale Arbeit

Dass jetzt gerade der Spargel dran ist, macht die Sache nicht einfacher – ausgerechnet die eher als Luxusgemüse denn als Grundnahrungsmittel empfundenen und außerdem nicht ganz einfach und unter erheblichem körperlichem Einsatz zu erntenden empfindlichen Stangen, die bei entsprechendem Wetter explosionsartig sprießen und punktgenau gestochen werden müssen. Schon vor Jahren winkten Spargelerzeuger ab, als ihnen mit Langzeitarbeitslosen geholfen werden sollte: zu unmotiviert, unfit und unzuverlässig. Stattdessen stechen Osteuropäer, inzwischen oft Rumänen, zäh und klaglos, schnell und geschickt, oft gering entlohnt und spartanisch in Massenunterkünften untergebracht, damit deutsche Feinschmecker günstig genießen können. Und das auch, wenn Corona fast alle anderen Genüsse des Lebens verbietet, während hier Arbeitsrechte gelockert und gesundheitstechnisch fragwürdige Luftbrücken aufgebaut werden. So geht die eine Erzählweise vom namenlosen Menschenmaterial, Hunderterchargen im Flieger und auf Feldern. Die andere berichtet auch von kleineren landwirtschaftlichen Betrieben, die sich über ein paar Hektar Spargel die Existenz angesichts wenig lukrativer Getreidepreise sichern. Die seit Jahren und Jahrzehnten über persönliche Beziehungen einen festen Mitarbeiterstab aufgebaut haben, der jedes Jahr wieder anreist, ohne abzockende Schlepper und Vermittler. Menschen, die sich in Deutschland Geld für den Aufbau bescheidenen Wohlstands in ihrer Heimatregion verdienen, was dort kaum möglich ist.

Hipsterspargel

Corona wirbelt vieles durcheinander: Durch die geschlossenen Grenzen auf die Sorgen der deutschen Bäuerinnen und Bauern im Hinblick auf die Saisonarbeit aufmerksam geworden, haben viele Betriebe eine warme Welle der Solidarität und der Angebote zur Mitarbeit erfahren. Viele gerade kleinere Betriebe, die den Aufwand und vielleicht auch die schlechte Presse rund um die Spargelflieger scheuen, versuchen sich mit den neuen Helfern. Die wiederum sind durch entsprechende Presseberichte oft vorgewarnt ob Anstrengung und gefragtem Geschick und gucken zum Teil Youtube-Videos zur Vorbereitung. Die Erfahrungen sind auf allen Seiten unterschiedlich. Die weißen Stangen heißen mancherorts inzwischen Hipsterspargel wegen der Studenten, die sie stechen. Wie die Situation sich entwickelt, wenn die neuen Helfer wieder in ihre Jobs oder Hörsäle können und müssen, ist noch nicht ausgemacht. Momentan ist die Nachfrage nach einzufliegenden Osteuropäern geringer als vom Bauernverband postuliert. Zwar schreibt der Bauernverband, dass die Wertschätzung gerade auch gegenüber den osteuropäischen Erntehelfern gestiegen sei, weil vielen Menschen bewusster würde, was diese leisten. In der Realität haben sich die Arbeits- wie auch die Lebensbedingungen nicht unbedingt verbessert. Die Abhängigkeit vom Betrieb hat zugenommen, da es Einschränkungen in der Bewegung gibt und auch wegen der nicht geklärten Rückreise. Die Arbeitsrechte wurden gelockert, die Belegungsdichte in den Unterkünften sollte geringer sein. Am Ende bleibt es eine sehr individuelle Frage: Werden die Menschen wie Menschen behandelt oder wie Produktionsfaktoren? Der katholische Prälat Peter Kossen, der seit Jahren besonders auf die zum Teil extrem prekären Arbeits- und Lebensbedingungen von Arbeitsmigranten in der Fleischbranche aufmerksam macht, hat einen offenen Brief an den niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil geschrieben. Darin heißt es: „Wir sind uns darin einig, dass Arbeitsmigrant*innen nicht wie Verschleißmaterial oder wie Menschen zweiter Klasse behandelt werden dürfen, deren Gesundheit weniger Aufmerksamkeit geschenkt wird als der ihrer deutschen Kolleg*innen. In der Corona- Pandemie fällt mehr denn je auf, dass unsere Wirtschaft fundamental auf die Arbeitsmigrant*innen angewiesen ist.“

Überall in Europa

Nicht nur die deutsche Landwirtschaft ist davon betroffen, dass derzeit kaum noch Bewegungen von Menschen im innereuropäischen Raum möglich sind. Nach Angaben der Financial Times arbeiten in der Saison in Frankreich rund 200.000 Arbeitskräfte vornehmlich aus Osteuropa, in Spanien 70.000, in Italien 250.000, in Großbritannien 75.000. Nur in Deutschland ist es der landwirtschaftlichen Interessenvertretung bislang gelungen, mit der Regierung ein Einfliegen unter Auflagen durchzusetzen. In Frankreich und Spanien sollen Auflagen für Einheimische, die eine Arbeit in der Landwirtschaft erschweren würden, wie etwa beim Zuverdienst zum Arbeitslosengeld, gelockert werden, in Italien wird über Arbeitserlaubnisse für Asylsuchende debattiert. Gleichzeitig melden sich immer wieder auch Stimmen aus osteuropäischen Ländern, die die ökonomische Kraft und den sozialen Frieden ganzer Landstriche gefährdet sehen, weil es den dort Einheimischen nicht mehr möglich ist, im westeuropäischen Ausland zu arbeiten. In Bulgarien gibt es die Forderung gewerkschaftlicher Organisationen, in ökonomische Stützungsprogramme auch die zu Hause festsitzenden Landarbeiter mit aufzunehmen. Gleichzeitig gibt es Befürchtungen, dass doch noch z. B. per Flieger nach Deutschland aufbrechende Arbeiter das Virus später nach Bulgarien zurückbringen könnten. Auch die rumänische Mitgliedsorganisation von La Via Campesina, Eco Ruralis, kritisierte, dass vor allem die als Saisonarbeiter tätige rumänische Landbevölkerung durch die deutsche Spargelluftbrücke erhöhten Gesundheitsrisiken ausgesetzt werde. Angesichts der gewachsenen Abhängigkeit, in die sich die Arbeiter aufgrund der diesjährigen Situation begeben, fordert der Verband unabhängige Unterstützung durch gewerkschaftliche Beratung.

Fehlstart

Der Start der Spargelflieger war alles andere als gelungen. Bilder von einem überfüllten Abflughafen ohne Möglichkeit für die Menschen, Mindestabstände einhalten zu können, wie auch Berichte von sehr laschen Gesundheitskontrollen – Temperaturmessungen und Fragebogencheck – begleiteten die ersten rumänischen Arbeitskräfte. Kritik aus der Politik kam eigentlich nur vom grünen Agrarsprecher im Bundestag, Friedrich Ostendorff, der „einen sofortigen Stopp von Klöckners Spargelstecher-Luftbrücke“ forderte. Es sei erstaunlich, so Ostendorff, dass auch Flieger nach Bayern betroffen seien, wo doch der „bayerische Ministerpräsident Söder sonst größtmögliche Strenge im Hinblick auf Sicherheit und Schutz verspricht”. Die von Innenminister Horst Seehofer (CSU) und Agrarministerin Julia Klöckner (CDU) versprochenen „strengen Auflagen“ im Hinblick auf den Gesundheitsschutz für die Einreise der Saisonarbeitskräfte hielten keiner Überprüfung stand. Dieser Start lasse erhebliche Zweifel aufkommen, wie die Umsetzung der verpflichtenden Hygienemaßnahmen und die Kontrolle auf den Betrieben weitergehen solle, so Ostendorff. Er kritisierte Klöckner erneut, als kurz danach in Baden-Württemberg ein rumänischer Saisonarbeiter starb und positiv auf das Coronavirus getestet wurde: „Das ist ein Spiel mit dem Feuer und kann schnell einen Flächenbrand auslösen. Julia Klöckner wird den Anforderungen an ein geregeltes Krisenmanagement in keiner Weise gerecht und versagt in dieser Krise auf ganzer Linie.“ Für billigen Spargel würden tatsächlich Menschenleben aufs Spiel gesetzt.