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18.01.2022

Schweineland Spanien – produzieren bis zur Ökokrise

Greenpeace-Protest in Spanien gegen Megaställe und Massentierhaltung: Weniger Fleisch, KEINE Makro-Farmen!. Bildquelle: Greenpeace Spanien

Ein Länderbericht und Kommentar von Marktbeobachter Hugo Gödde

Vielen Agrarökonomen gilt Spanien heute als das Mekka der Schweineproduktion in Europa. Es hat Deutschland als Nr. 1 abgelöst. Während man in den letzten Jahrzehnten nach Dänemark oder Holland fuhr, um sich über die neuesten Trends zu informieren, steht heute die iberische Halbinsel im Fokus. Und deren Schweinebranche gibt sich alle Mühe, dieses Image zu fördern. Aber der Traum von einem Produktionsdurchmarsch könnte bald auf größere Hürden stoßen.

Muskelspiele
Tatsächlich ist die Produktion von Schweinen in den vergangenen zehn Jahren so stark gewachsen wie in keinem EU-Land. Der Bestand nahm in der Zeit bis 2020 um 27% auf 31,4 Mio. Tiere zu. Nimmt man die gestiegenen Schlachtgewichte hinzu, stieg die Produktion von Schweinefleisch gar um 50% zum weltweit drittgrößten Erzeugerland. Und in 2021 stockte man erneut um eine Million Schweine auf. Ein Ende der Expansion ist nicht in Sicht. Im Gegenteil, der Schweinesektor ist zuversichtlich, den Produktionsrückgang in Deutschland und anderen Nord-EU-Ländern zu einer Exportoffensive zu nutzen. „Das integrierte System der Viehwirtschaft hat dem Produktionssektor finanzielle, wirtschaftliche und operative ‚Muskeln’ verliehen, die es ihm ermöglicht haben, solch ein Wachstum in Bezug auf Quantität und Effizienz zu erreichen“, gibt sich Miquel Berges, der Generaldirektor des Zentralmarktes Mercolleida selbstbewusst im Interview mit AGRA-Europe. Produktionskapazitäten seien (mit staatlicher Unterstützung) auf Erzeugerstufe und Industriestufe ausgeweitet worden, um Internationalisierung und Export zu pushen. “Insgesamt hat die Konzentration und Vertikalisierung zugenommen, wobei große integrierte Schweineproduzenten mit Futtermittelunternehmen in den Schlachthofsektor und Schlachtunternehmen auch in die Schweineproduktion mit Bau neuer Mastställe eingestiegen sind,“ so Berges weiter. Damit ziehe man auch ausländische Investoren an wie den Italiener Pini oder Tönnies aus Deutschland in der Intensivregion Aragon, denen man den roten Teppich ausgerollt habe.

Vertikale Integration von oben nach unten
Diese Expansionsstrategie ist besonders von den Schlachtunternehmen mit Stützung der Politik der konservativen Parteien ausgegangen. Sie sehen in den niedrigen Produktionskosten bei Stallbau, Arbeitskosten und staatlichen Auflagen für Großbetriebe eine große Chance, mit billigem Fleisch den Markt zu erobern. In kurzer Zeit ist der Selbstversorgungsgrad auf 120 bis 130% hochgeschnellt. Angetrieben durch den Exportboom vor allem nach China gab es kein Halten mehr. Spanien exportiert die Hälfte seiner Schweineproduktion, von dieser Hälfte ging bis zum Frühsommer 70% nach China. Als Deutschland wegen der Schweinepest seit September 2020 nicht mehr dorthin liefern durfte, sprangen die spanischen Exporteure sofort in die Bresche und verdienten sich eine goldene Nase. Aber seitdem die chinesischen Bestellungen zurückgingen und zudem die Preise einbrachen, gibt es ein großes Absatzproblem. Am EU-Binnenmarkt kam es zu Überschüssen und zu einem scharfen Preiskampf, bei dem die Spanier kräftig mitmischen. Die Notierung am Mercolleida, dem maßgeblichen Markt in den Hochburgen im Nordosten, ging um ein Drittel zurück. Preisdruck und Einlagern des Fleisches ist die Folge – und Hoffen auf bessere Nachfrage aus der EU, aus China oder der Nach-Coronazeit. Auch neue Märkte in Afrika und Lateinamerika stehen auf der Agenda. Eine Änderung der Strategie aus der Branche heraus ist erst einmal keine Option. Man habe Vorteile bei den Produktionskosten, in der Fleischqualität (Duroc usw.), sei Selbstversorger bei den Ferkeln und vor allem sehr effizient mit der hohen Integration durch die Kooperativen. Denn ohne die Einbindung in landwirtschaftliche Kooperativen läuft in Spanien nichts. Schlachthöfe bekommen keine Auslastung, Agrargroßbetriebe kein günstiges Futter oder keine Vermarktung. Auch die Ferkel-Mast-Beziehung wird geregelt.

Kampagne für Herkunftskennzeichnung
Aber den Verantwortlichen in Wirtschaft und der Zentralregierung scheint doch das Risiko einer zu großen Abhängigkeit vom Export – nicht nur bei Fleisch - zu denken zu geben. Spanien könnte sich mit Schweinefleisch 1,7-mal versorgen, obwohl der spanische Verbrauch mit 271 Gramm pro Kopf am Tag so hoch ist wie nirgends in Europa (Deutschland 216 g). Deshalb ist eine Kampagne zur Förderung des Absatzes spanischer Produkte vom Landwirtschaftsministerium initiiert worden mit dem Titel: Spanien – das schönste Land der Welt. Damit soll die Herkunftskennzeichnung bekannt gemacht werden. In Spots in sozialen Medien heißt es: „Es gibt nichts Schöneres als das, was wir hier haben. Das gefällt uns, dass jedes Produkt seinen Ursprung und seinen Namen trägt. Essen aus Spanien.“ Inszeniert werden z.B. Schinkenprodukte „als weite Ebenen mit roten Farben und weißen Adern“.

Diskussion um Tierwohl ...
Wer in die EU exportieren will – das wissen die Vermarkter – muss sich auch dem Thema Tierwohl zuwenden. „Kein Problem“ heißt es. Kastration ist keine Diskussion, da die meisten männlichen Tiere als Eber großgezogen werden. Auch mit Tierschutzlabeln beschäftige man sich, aber noch nicht für den heimischen Markt. „Was bis vor wenigen Jahren Spanien nicht betraf und als rein nordeuropäisches Problem angesehen wurde, ist heute hierzulande eine Realität, mit der der Sektor lernen muss zu leben, zu diskutieren und zu verhandeln,“ gibt selbst Berges zu. Allerdings sei die Branche erst einmal wichtig für den Erhalt der Wirtschaft und zur Bekämpfung der Landflucht.

... und ökologische Krise verschärft sich
In der Gesellschaft wird das nicht überall so gesehen. Während die Industrie und die mit ihr verbandelte, gerade auf dem Lande starke konservative Partei PP (Partido Popular, CDU-vergleichbar) ein verstärktes und gar noch schnelleres „weiter so“ propagiert, wird in vielen gesellschaftlichen Kreisen die Entwicklung kritisch gesehen. Regionale und nationale Umweltverbände wie Greenpeace u.a. haben den Kampf aufgenommen. Besonders die großen Mengen an Gülle und ihre leichtfertige Entsorgung durch die Großanlagen wird angeprangert. In den Intensivregionen des Nordens und Nordostens (Katalonien, Aragon, Baskenland), aber auch in anderen Regionen regt sich Widerstand. Hauptthema ist häufig die Nutzung des ohnehin zu geringen Wassers in Gegenden mit großer Trockenheit. Als z.B. in der größten Salzwasserlagune Europas, im Mar Menor an der Mittelmeerküste, in diesem Jahr Tausende von toten Fischen schwammen, wurde wieder deutlich, dass die Verwaltung wegen des Nitratgehaltes von Boden und Grundwasser systematisch weggesehen hat. Tierhaltung ohne Zulassung, Düngen und Bewässern nach Gutdünken müsse gestoppt werden, fordert z.B. Greenpeace, denn der spanische Boden sei ausgelaugt, die Pflanzen wüchsen unter ständigem Stress und Wasser sei ein knappes Gut. Aber nichts werde kontrolliert.

Im schweinestarken Katalonien werden 99,9% der Schweine in intensiven Industriebetrieben gehalten. Und die lokale Bevölkerung habe davon wenig. Viele Arbeitskräfte seien Immigranten, prekär entlohnt und mit hoher Fluktuation. Greenpeace fordert ein Moratorium beim Stallbau und dann ein Abbau von Kapazitäten, keinesfalls eine weitere Expansion.

Auch in anderen Landesteilen rührt sich Protest. So bilden sich z.B. Gruppen wie „Espana vaciada“ (entleertes Spanien), die die fehlende Infrastrukturpolitik auf dem Lande beklagen. Verschiedene autonome Regionen wie Katalonien haben die Notbremse gezogen, was die Investoren in Nachbarprovinzen abwandern lässt. Umweltschützer hoffen auch auf mehr Eingriffe aus Brüssel. Nur dann würde die offizielle Politik reagieren. In einigen Regionen sei 60% des Grundwassers über der EU-Norm für Nitrat. Immerhin hat die EU- Kommission beschlossen, Spanien vor dem Europäischen Gerichtshof zu verklagen, weil das Land keine ausreichenden Maßnahmen gegen die Verunreinigung durch Nitrat ergriffen hat, heißt es in einem Brüsseler Schreiben von Anfang Dezember.

Streit in der Regierungskoalition
Inzwischen ist die Diskussion um den ökologischen Umbau der Landwirtschaft auch in der Nationalregierung angekommen und hat zu Streit in der Koalition geführt. Verbraucherminister Alberto Garzón vom alternativen Juniorpartner Unidas Podemos (UP) hatte in einem Interview die Klimafolgen des hohen Fleischkonsums und die Massentierhaltung kritisiert. Sie trügen zur Erderwärmung bei, belasten das Grundwasser und das Fleisch sei in Megafabriken wegen der Antibiotikabehandlung schlechter als das von Bauernhöfen. Außerdem sei es um das Tierwohl in Großfarmen schlecht bestellt. Er unterstütze die traditionelle Schweinezucht in bäuerlichen Betrieben und Initiativen gegen die Entvölkerung des „entleerten Spaniens“. Daraufhin bedauerte Regierungschef Sanchez von der Sozialistischen Partei die „persönlichen Meinungsäußerungen“ des Ministers, vor allem vor der wichtigen Regionalwahl in Kastilien und Leon, wo es viele Großanlagen gibt. Dabei hat sich die Zentralregierung auf einen umweltfreundlichen und nachhaltigen Umbau der Landwirtschaft im Koalitionsvertrag verständigt. Sanchez betonte, dass spanisches Fleisch von „außerordentlicher Qualität“ sei. Und die konservative Opposition der PP forderte gleich den Rücktritt des Ministers, weil er das Ansehen Spaniens in der Welt beschmutzt habe.

... und die Bauern
Viele Großanlagenbetriebe werden eher Investoren als Bauern oder sind in Abhängigkeit des Systems aus vertraglich definierten Ferkel- und Futterkäufen, Absatzzwängen, Finanzierungen und Entlohnung. Sie sind Gefangene der vertikalen Integration und des Preissystems, das aktuell durch die Exportkrise auf ihrem Rücken ausgetragen wird. Sogar die Bauernverbände, die eigentlich das System mittragen, sehen sich durch die Steigerungen der Produktionskosten zu Protesten für „gerechte Preise“ und eine stärkere Position in der Lebensmittelkette getrieben. Sie fordern vor allem vom Staat Sondertarife für Energie und ermäßigte Mehrwertsteuer. Große Hoffnungen setzen sie zudem in das neue Lebensmittelketten-Gesetz, mit dem Spanien die EU-Richtlinie über unlautere Handelspraktiken umsetzt und das ein Verbot nicht kostendeckender Preise vorsieht.

Eine andere Richtung vertreten die Verbände der extensiven Viehwirtschaft. Sie kritisieren die unfaire Behandlung der Qualitätsproduktion, die in der EU-Politik nicht angemessen gefördert werde. Brüssel stärke die industrielle Produktion und vernachlässige die extensive Viehzucht. Für sie sei es wichtig, dass "die neue GAP den extensiven Viehbestand schützt und ihm den Status verleiht, den er verdient". Und dass "die Kennzeichnung von Fleischprodukten sofort vorgenommen wird, damit die Verbraucher genügend Informationen haben, um zu wissen, welche Lebensmittel sie essen und wo sie herkommen." Es sei eben nicht gleichgültig, wie die Tiere gehalten würden und welche Lebensqualität sie hätten. Deshalb verteidigen sie auch die Äußerungen des Verbraucherministers.

Der Marktbeobachter meint...
Die spanische Schweinebranche hält sich für den Spitzenreiter in der Erzeugungseffizienz, dem Management und den Produktionskosten und will zusammen mit einer international wettbewerbsfähigen Fleischindustrie eine führende Rolle auf dem Weltmarkt spielen.

Interessanterweise ist das die gleiche Argumentation, mit der in Deutschland Bauernverband, Wissenschaft, Beratung und Fleischbranche vor 10 bis 15 Jahren zur Veredelungsoffensive bliesen, die Überschussproduktion anregten und die globale Wettbewerbsfähigkeit propagierten mit dem Export als wesentlichem Absatzmarkt. Diese Stimmen sind hierzulande angesichts der tiefgreifenden Krise verstummt. In Spanien haben sie (noch?) Hochkonjunktur. Aber auch in Spanien hat die Diskussion um die negativen sozialen und ökologischen Seiten der Expansion begonnen. Grundwasserschutz, Tierwohl, aber auch Entleerung des ländlichen Raumes, Höfesterben, schlechte Preise und prekäre Arbeitsverhältnisse werden zu politischen Grundsatzthemen einer Neuausrichtung der Land- und Fleischwirtschaft. Die Auseinandersetzungen in der Regierung und um die Meinungsführerschaft legen den Eindruck nahe, dass man sich in der spanischen Agrar(wirtschafts)politik eher noch in den Wagenburgen einrichtet und die Schützengräben von Mengen- und Kostenführerschaft einerseits und Qualitäts- und ökologischen Gemeinwohlstrategien andererseits auswirft. Es spricht aus hiesiger Sicht manches dafür, dass sich dieser Agrarkonflikt auf die spanische Gesellschaft erweitert und auch die europäische Dimension („farm to fork“) erreicht. Damit geht es bei der spanischen Exportoffensive nicht nur um billiges Schweinefleisch in unseren Regalen, sondern auch um die Transformation der gemeinsamen europäischen Agrarpolitik.
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