Artikel aus der Bauernstimme

02.02.2022

Einmischen ist gefragt

02.02.2022

Noch geht es nicht um die Wurst

02.02.2022

Afrikanische Schweinepest kommt und wird bleiben

Registrieren Sie sich für den Nachrichtenbrief

Warenkorb

Ihr Warenkorb enthält keine Artikel
zum Warenkorb

Kontakt 

AbL Bauernblatt Verlags-GmbH
Bahnhofstr. 31
59065 Hamm
Tel.: 02381/492288
Fax: 02381/492221  

verlag[at]bauernstimme.de

07.03.2022
FebL/PM

Deregulierung der Neuen Gentechnik durch die Hintertür

Eier von CRISPR/Cas-Gentechnik-Hühnern sollen weder auf Risiken geprüft noch gekennzeichnet werden. Bildquelle: VLOG

EU-Kommission: Eier von CRISPR/Cas-Gentechnik-Hühnern sollen weder auf Risiken geprüft noch gekennzeichnet werden. AbL und Testbiotech warnen vor ‚kalter“ Deregulierung und der Verband Lebensmittel ohne Gentechnik (VLOG) fordert Bundeslandwirtschaftsminister Özdemir auf, sich gegen diese Gentechnik-Verschleierung einzusetzen.

Eier und Legehennen, die von transgenen Hühnern abstammen, könnten in der EU ohne Zulassungsverfahren und ohne Kennzeichnung auf den Markt gelangen. Dies geht aus einem Schreiben der EU-Kommission an das deutsche Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) vom Juli 2021 hervor. Das Schreiben wurde jetzt durch eine Anfrage der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) bekannt.
In Reaktion wenden sich jetzt die AbL und Testbiotech in einem gemeinsamen Brief an die EU-Kommission und weisen darauf hin, dass eine Vermarktung der Eier ohne Risikoprüfung und Kennzeichnung gegen EU-Recht verstoßen würde. Sie warnen vor einer ‚kalten‘ Deregulierung der umstrittenen CRISPR/Cas-Gentechnik durch die Hintertür mit weitreichenden Folgen für Verbraucher:innen, Lebensmittelerzeuger:innen und den Lebensmittelhandel.

Annemarie Volling, Gentechnikexpertin der AbL kommentiert: „Die Art und Weise, wie die EU-Kommission mit diesem Fall umgeht, gibt Anlass zu großer Sorge: Die vorliegende Stellungnahme könnte so verstanden werden, dass die Legehennen und ihre Eier in der EU direkt vermarktet werden können, ohne Zulassungsprüfung und Kennzeichnung. Die Eier könnten so völlig unbemerkt in Verkehr gebracht werden. Damit würde die EU-Kommission das Gentechnikrecht und das Vorsorgeprinzip außer Kraft setzen. Mit diesem Paradigmenwechsel überschreitet sie deutlich ihre Kompetenzen.“

ForscherInnen in Israel haben Hühner per CRISPR/Cas gentechnisch so verändert, dass keine männlichen Nachkommen schlüpfen. Dabei soll nur an die männlichen Nachkommen ein tödliches Gen weitergegeben werden, welches die Küken (Embryo) schon im Ei absterben lässt. Gleichzeitig sollen sich die weiblichen Nachkommen normal entwickeln und als Legehennen eingesetzt werden. Das Verfahren und die Tiere sind bereits zum Patent angemeldet und sollen in Zusammenarbeit mit einer US-Firma vermarktet werden. Die Patentanmelder:innen behaupten, dass ihre Technologie zu 100 Prozent sicher sei und im Erbgut der Legehennen keine artfremden Gene mehr zu finden seien. Diese Angaben scheinen für die EU-Kommission auszureichen, um die Legehennen und deren Eier von der gesetzlich vorgeschriebenen Zulassungsprüfung und Kennzeichnung auszunehmen. Doch dafür gibt es keinerlei rechtliche Grundlage.

Die EU-Gesetze schreiben vor, dass alle Organismen, die aus gentechnischen Verfahren hervorgehen, einem Zulassungsverfahren zu unterziehen sind sowie rückverfolgbar und gekennzeichnet sein müssen. Wie wichtig es ist, diese Anforderungen auch auf die Nachkommen von gentechnisch veränderten Tieren anzuwenden, unterstreichen Ergebnisse aus der Grundlagenforschung: Diese zeigen, dass Nachkommen von Tieren, deren Erbgut mit Hilfe von CRISPR/Cas gentechnisch manipuliert wurde, von unbeabsichtigten Veränderungen betroffen sind, die mit spezifischen Risiken einhergehen.

Der Fall der CRISPR/Cas-Eier ist kein Einzelfall: Obwohl inzwischen mehrere Publikationen neuartige und spezifische Risiken der CRISPR/Cas-Technologie belegen, streitet die EU-Kommission diese vehement ab. Sie räumt zwar ein, dass durch die Verfahren der Neuen Gentechnik auch unbeabsichtigte genetische Veränderungen ausgelöst werden können, vertritt aber dennoch den Standpunkt, dass diese nicht genauer untersucht werden müssten. Der Fall der CRISPR/Cas-Legehennen legt die Vermutung nahe, dass hinter dieser fragwürdigen Position das politische und wirtschaftliche Kalkül stehen könnte, die Neue Gentechnik einfach durch die Hintertür zu deregulieren.

VLOG: Özdemir muss sich gegen Gentechnik-Verschleierung einsetzen
„Diese versuchte Gentechnik-Verschleierung darf nicht durchkommen. Verbraucherinnen und Verbraucher wollen wissen, wie ihre Lebensmittel hergestellt werden. Wenn wie hier Gentechnik eingesetzt wird, muss selbstverständlich eine unabhängige Risikoprüfung und ein Zulassungsverfahren stattfinden. Sollte dieses Verfahren nach diesem Prozess eines Tages zugelassen werden, muss der Gentechnik-Einsatz transparent auf den Endprodukten gekennzeichnet werden“, kommentiert VLOG-Geschäftsführer Alexander Hissting. „Die EU-Kommission muss dringend dem fatalen Eindruck entgegentreten, klammheimlich eine schleichende Deregulierung zu betreiben, und ihre Haltung zu den Gentechnik-Eiern ändern. Wir erwarten, dass sich der deutsche Agrarminister Cem Özdemir dafür in Brüssel starkmacht.“
Der VLOG sieht mit Blick auf „Ohne Gentechnik“-Eier einen großen Markt in Gefahr. Bereits rund 70 Prozent der Eier in Deutschland werden ohne Gentechnik-Futter produziert. In Deutschland werden jedes Jahr „Ohne Gentechnik“-Eier für mehr als eine Milliarde Euro verkauft. Dieser Erfolg wäre ernsthaft in Gefahr, wenn die EU bei ihrer Bewertung bliebe und die CRISPR-Gentechnik-Eier ungeprüft und ungekennzeichnet auf den Markt kämen. Um das Kükentöten endlich zu stoppen, braucht es für den VLOG keine Gentechnik. Dafür gebe es längst andere Möglichkeiten wie Zweinutzungshühner, Bruderhahnaufzucht und auch Verfahren zur Geschlechtsbestimmung im Ei, die ohne Gentechnik funktionieren.