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07.03.2022
hg

Höhenflug der Rinderpreise geht weiter – wer zahlt den Boom?

Der LEH, hier ein real-Angebot von dieser Woche, will sich als Inflationsbremser darstellen.

Zu Ungereimtheiten und offenen Fragen am Rindermarkt ein Kommentar von Marktbeobachter Hugo Gödde

Gibt es sie also doch – die Geheimnisse des Marktes, von denen schon Adam Smith geschrieben hat? Auch Anfang März geht es am Rindermarkt nach wie vor nur aufwärts. Gleichzeitig werden die Erklärungsversuche der Marktexperten immer dünner. Nicht nur dass niemand den Höhenflug der Rinderpreise vorausgesehen hat. Auch der erneute steile Anstieg seit Jahresbeginn überrascht die Analysten und bringt bisherige Gewissheiten durcheinander.

Was sagen die Zahlen?
Zehn Jahre lag der Preis für Jungbullen (Hkl. R3) zwischen 3,50 und 3,80 €/kg. Anfang März ist er nun über 5,20 €/kg gesprungen – ein nie vorher erreichter Wert. Zu Beginn des Jahres lag der Preis bei 4,75 und vor einem Jahr bei 3,90 €/kg und stieg damit in Jahresfrist um ein Drittel.

Bei den Kuhpreisen ist die Entwicklung noch deutlicher. Die häufigste Klasse O3 erbringt zurzeit 4,35 €/kg gegenüber 3,60 €/kg Anfang Januar und 2,95 €/kg im März 2021, also fast die Hälfte mehr. Bei den im Markt etwas weniger mengenwirksamen weiblichen Schlachttieren (Färsen) läuft der Trend vergleichbar. 4,80 €/kg aktuell gegen 4,35 €/kg zum Neujahr und 3,50 €/kg im vorigen März.

Zugleich analysiert die EU-Kommission, dass die Rindfleischpreise in Deutschland EU-weit am höchsten liegen. Selbst die Färsen- und Kuhpreise in Frankreich, sonst das Maß der Dinge, können nicht mehr mithalten. Bei den Jungbullen liegt der heimische Marktwert etwa 10% über dem EU-Durchschnitt.

Die Marktschätzer sprechen von geringem Bullenangebot und völlig unzureichender Schlachtkuhanlieferung. Die Schlachtzahlen liegen in 2022 bisher deutlich unter Vorjahr. Auch das Ausland könne für keinen ausreichenden Ersatz sorgen. Dem stehe trotz gestiegener Erzeugerpreise eine gute Nachfrage des LEH gegenüber.

Erklärungsversuche: Rückläufige Bestände...
Viele Rinderhalter stellen sich natürlich nicht nur die Frage, wie es zu dieser Entwicklung gekommen ist, sondern auch wie es in diesem Jahr weitergehen

wird. Die Marktexperten der Landwirtschaftskammern in Niedersachsen und NRW gehen davon aus, dass die Schlachtrinderpreise auf „unverändert hohem Niveau“ bleiben dürften. Ihre Begründungen beruhen auf der rückläufigen Bestandsentwicklung in der EU und den Lieferengpässen aus Südamerika.

Sieht man sich die bisher veröffentlichten Zahlen für 2021 an, ist der Preisboom damit kaum stringent zu erklären. Der Bestand an Rindern, auch an Milchkühen ist laut EU in 2021 um 1,1% rückläufig. Diese Reduktion gab es etwa gleichwertig auch in den Jahren zuvor. In Deutschland lag der Bestandsabbau zwar bei 2,3%, aber auch vergleichbar zu den vorigen Jahren. Mit diesen gesunkenen Beständen kann man möglicherweise einen Preisanstieg nahelegen, den es aber in den letzten Jahren trotzdem nicht gab. Diese Preissprünge lassen sich so nicht erklären. Zudem sind die Rinderschlachtungen in 2021 nur leicht um 0,8% gesunken, von 3,29 Mio. auf 3,26 Mio. Tiere.

... und fehlende Importe aus Mercosur?
Tatsächlich sind laut AMI (Agrarmarkt Informationsgesellschaft) die Rindfleischimporte nach Deutschland im letzten Jahr um 35.000 t gesunken, davon 70% aus EU-Ländern, vor allem Niederlande und Polen. Auch die Einfuhren aus Südamerika gingen leicht zurück, machen aber nur 11% der Importe aus. EU-weit (ohne Großbritannien) stiegen dagegen die Drittlands-Importe kräftig an, wobei Brasilien, Uruguay und Argentinien (Mercosur) fast 80% lieferten.

Die südamerikanischen Länder steigerten also ihre Lieferungen nach Europa erheblich, aber nicht nach Deutschland, obwohl hier die höchsten Preise waren. Wo bleibt der Erklär-Bär?

Weitere Marktüberraschungen
Aber der Rindermarkt weist noch weitere mit den üblichen Argumentationen schwer belegbare Ungereimtheiten auf. Viele Marktteilnehmer berichten, dass die steigenden Erzeugerpreise noch nicht voll umfänglich an den Endverbraucher weitergegeben wurden. Sowohl die Schlachtindustrie behauptet, dass viele wertvolle Teilstücke (Steaks, Braten) quersubventioniert würden und auch die Fleischpreise im LEH geben (außer bei Hackfleisch, dem wichtigsten Rindfleischprodukt) nicht die Steigerungsraten wieder. Der LEH begründet seine Preiszurückhaltung mit der erhöhten Inflationsrate. Er will sich als Inflationsbremse anbieten, aber sicherlich nicht auf seine Kosten. Deshalb wehrt er sich heftig gegen erhöhte Preisforderungen der Industrie. Marktteilnehmer fürchten zudem, dass es zu einem Nachfragerückgang führen könnte, wenn die Verbraucherpreise im gleichen Tempo wie die Erzeugerpreise anziehen würden.

Das erklärt vielleicht auch ein wenig, warum trotz der hohen Rinderpreise und der sehr niedrigen Schweinepreise beim Konsum (noch) nicht das teurere Rindfleisch durch das viel billigere Schweinefleisch ersetzt wurde, was eigentlich jedes agrarökonomische Proseminar lehrt.

Andererseits wäre es doch sehr erstaunlich, wenn gerade die Schlachtindustrie, die sich durch Corona- und Energiekosten sowie fehlenden Fleischabsatz insgesamt schon gebeutelt sieht, auch noch Rindfleisch subventionieren soll. Die Bilanzen des letzten Jahres zeigen branchenweit schon ohne zusätzlichen Kostendruck viele rote Zahlen. Wer also zahlt den Boom?

Bio- Rindfleisch unter Druck
Auch die Bio-Rinderhalter treibt neben den eigenen gestiegenen Kosten das konventionelle Preishoch um. Teilweise liegen konventionelle Notierungen nur knapp unter Bio. „So etwas hab ich in zwanzig Jahren Biolandbau noch nicht erlebt,“ staunt ein Bioland-Rinderhalter. Das finden viele ungerecht, weil die Bio-Erzeugung viel kostenintensiver ist, angefangen vom Fresser- bzw. Absetzerzukauf über das Futter bis zu vielfältigen Auflagen. Andererseits haben viele Erzeugergemeinschaften sich gerade mit viel Mühe und eigenen langfristigen Verträgen vom konventionellen Preisgeschehen unabhängig gemacht. Jetzt weitere Aufschläge auszuhandeln wird schwieriger. Vor allem Fleischereien und der Naturkosthandel haben Probleme, die Preiserhöhungen weiterzugeben. Das waren aber häufig in der Vergangenheit die Partner auf Augenhöhe. Der klassische Einzelhandel hat – wenn er will – mehr Spielraum für eine Nische. Er kann aber auch gewachsene Strukturen zerstören (wollen). Beispiele gibt es genügend. Biofleisch kommt langsam in der Mitte des Konsums an, aber unterliegt damit auch dem „normalen ökonomischen Konkurrenzkämpfen“.

Intensiv wird auch von langjährigen Biobäuerinnen und -bauern diskutiert, wie langjährige Partner - Fleischer, Verarbeiter und Kunden - mit den gestiegenen Preisen umgehen können. Kann man fordern, was aktuell der Markt hergibt, oder schwächt man regionale Strukturen, die man gemeinsam aufgebaut hat und die man wohl auch in Zukunft benötigt. Denn auch in der handwerklichen Verarbeitung sind neben den Rohstoffen auch die Energie- und Arbeitskosten sprunghaft gestiegen. Und bei über 40 €/kg Bio-Steaks oder 15-20 €/kg Rinderhackfleisch könnte auch der Absatz selbst bei Premiumkunden leiden.

Preis nicht gleich Einkommen
Unbestritten ist, dass ein hoher Preis – ob konventionell oder Bio – noch längst nichts über das Einkommen aussagt. Unstrittig ist auch, dass die Betriebskosten auf den Höfen erheblich gestiegen sind, von Energie- und Arbeitskosten (Mitarbeiter, Handwerker) über Bausteigerungen und besonders die Futterkosten. Und alle Faktoren werden durch den Ukraine-Krieg sicherlich befeuert werden. Futtermittelhändler – konventionell wie Bio – melden schon Preissteigerungen und Lieferschwierigkeiten an.

Schnell heißt es in bäuerlichen Versammlungen, dass man die Preise eben weitergeben muss. Aber gelingt das angesichts der Inflationsrate von 5 bis 6% oder kommen neben den Energiekosten auch die Lebensmittel in den Haushalten auf den Prüfstand?

Der Marktbeobachter hatte zuletzt manchmal den Eindruck, dass am Rindfleischmarkt nach jahrelanger Stagnation nun die Bäume in den Himmel wachsen. Ernsthaft vorausgesehen hatte den Trend niemand. Die Erklärungen für den steilen Preisanstieg blieben im Nachhinein eher bemüht. Voraussagen für die nächsten Monate bewegen sich mehr im Bereich der Spekulation.

Unabhängig vom Preisanstieg in einzelnen Märkten stellt sich die Hauptfrage, wer seine Kosten am besten weitergeben kann. Vielleicht gelingt es mal durch Verhandlungen auf Augenhöhe und einigermaßen faire Verteilung. Man darf auch in diesen weltpolitisch unglaublichen Zeiten die Hoffnung nicht aufgeben.